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Spielmann und Schumann

Spielmann und Schumann

Meine erste Clue-Writing-Story ist fertig. Ich hatte bereits angekündigt, dass ich bei der diesjährigen Clue Writing Challenge mitmachen will. Lasst Euch überraschen, was für eine Geschichte ich aus den vorgegebenen Clues und dem Setting gemacht habe.

Die Clues und das Setting

Setting: Garten
Clues: Trompete, Mischsalat, Wissen, Stein, Schreibtisch

Meine erste Clue-Writing-Story

Spielmann und Schumann

Als Nathanael Spielmann im Frühsommer des Jahres 2017 seine Trompete an den Mund setzte, die ersten Töne blies und die Welt in Schwingung setzte, spürte er den vollkommenen Einklang mit der Natur. Er spielte keine Melodie, nichts das einem in Erinnerung bleiben würde. Nur lange, einzelne Töne. Zwischen jedem Ton eine lange Pause, in der er dem Widerhall lauschte. Kein Echo im eigentlichen Sinn, wie man es in einer Kathedrale hören konnte, sondern die Antwort jedes einzelnen Elements, das ihn umgab und an sein Innerstes rührte.

Augenblicke wie diese waren selten geworden, seit er auf der Anhöhe außerhalb der Stadt wohnte. Dabei hatte alles gut angefangen. Eine ländliche Gegend, die Häuser waren klein, die Grundstücke dafür umso größer. Sein wortkarger Nachbar, Daniel Schumann, strahlte Ruhe aus und war an keinem engeren Kontakt interessiert. Gut so! Nichts verabscheute Nathanael mehr, als laute und aufdringliche Menschen.
Als der Makler ihn das erste Mal in den großen Garten geführt hatte, wusste er sofort, dass dieser Ort wie für ihn geschaffen war. Er entschuldigte sich mehrmals für den ungepflegten Zustand. Man müsse aber nur ein wenig die Bäume und Sträucher zurechtschneiden, hier die Bank ausbessern und da das Blumenbeet neu einfassen, dann wäre das doch ein wunderschöner Garten. Nathanael fand den Garten perfekt, wie er war. Die Ordnung der Natur war eine innere und keine äußere.
Einen Tag nach seinem Einzug hatte Nathanael seine Trompete ausgepackt, sich in den Schatten des alten Ahornbaums gestellt und gespielt: ein Ton, zwei Töne. Der Klang der Trompete schallte von der Anhöhe und ergoss sich über die Landschaft. Kurz vor dem Augenblick des Glücks vernahm er einen zunächst sanften, dann immer lauteren Gesang aus Daniels Garten: »Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen. Da ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen.« Nathanael hatte die Trompete abgesetzt und gesehen, wie Daniel den alten Kassettenrekorder lauter drehte, die Gartenharke wieder in die Hand nahm und das Salatbeet bearbeitete. Dieses Schauspiel wiederholte sich von nun an, sobald er Trompete spielte. Zugegeben, der Musikgeschmack Daniels hätte schlechter sein können, aber das änderte nichts daran, dass Nathanael den Zustand der absoluten Harmonie mit der Welt nicht mehr erreichen konnte. Er dachte schon daran, ein weiteres Mal umzuziehen, als gestern überraschend Daniel über den Gartenzaun gerufen hatte.
»Möchten Sie etwas von meinem Mischsalat haben?«
»Gerne!«
Nathanael hatte die Gelegenheit ergriffen und Daniel in seinen Garten zum Abendessen eingeladen. Vielleicht würde man sich arrangieren können.

Das Abendessen und die zwei Flaschen Meursault, die er eigentlich für einen besonderen Anlass aufgehoben hatte, waren eine gute Investition gewesen. Nathanaels Trompetenspiel wurde heute nicht gestört. Schumann war verstummt und Daniel jätete lautlos sein Beet. Zufrieden spielte Nathanael eine Quarte, die neben der Reinheit noch das Moment der Spannung in sich trug.

Mit Genugtuung vernahm Daniel Schumann das Trompetenspiel seines Nachbarn. Bald würde wieder alles seine Ordnung haben. Seit vier Jahrzehnten lebte er hier und hatte Nachbarn kommen und gehen sehen. Manche freiwillig, andere unfreiwillig. Sein ganzer Stolz war sein Garten, der schon dreimal beim Wettbewerb »Garten des Jahres« gewonnen hatte. Der Garten war der Anlage von Château de Villandry nachempfunden, die ihn bei seiner ersten Frankreichreise im Jugendalter faszinierte. Buchsbaumhecken säumten die Beete und Wege ein, die großflächige geometrische Muster bildeten. Die Bäume waren in Form geschnitten. Keine Pflanze, die hervorstach und die Ausgewogenheit störte oder den Blick irritierte. Alles war geordnet und strukturiert. Symmetrie wohin das Auge schaute. Auch in diesem Jahr standen seine Chancen gut, den Wettbewerb zu gewinnen - zumindest bis vor ein paar Wochen.
Nathanael Spielmann hatte das Nachbarhaus gekauft und spielte beinahe jeden Tag im Freien Trompete, ein lautes und penetrantes Instrument. Daniel verabscheute es, zumal in Nathanaels Spiel keinerlei Struktur zu erkennen war. Eine zusammenhanglose Aneinanderreihung von Tönen. Daniels Ärger wuchs von Tag zu Tag. Er konnte förmlich den Schmerz seiner Pflanzen spüren, deren Gleichgewicht durch das Trompetenspiel aus dem Lot geriet. Er hatte lange gebraucht, bis er herausgefunden hatte, welche Musik seine Pflanzen liebten und mit schönem Wuchs belohnten: Bach, Schumann, aber niemals Strawinsky oder Bruckner.
Nathanael störte. Er war wir Unkraut, das den Pflanzen das Licht und die Nährstoffe nahm und sie am Wachsen hinderte. Daniel kannte die Lösung für das Problem. Er war schon vor vielen Jahren einmal dazu gezwungen worden, diese Option zu ergreifen. Die letzten drei Nachbarn waren Mieter. Mieter loszuwerden war einfach. Aber Eigentümer wie Nathanael waren eine größere Herausforderung. Nathanael würde nicht so schnell aufgeben. Das hatte er gespürt. Sein Wissen als pensionierter Biologie- und Chemielehrer würde ihm noch einmal helfen müssen.
Als Nathanael ihn gestern zum Abendessen eingeladen hatte, konnte er dies nicht abschlagen. Er wollte keinen Verdacht wecken und musste das Fläschchen mit dem Extrakt des Blauen Eisenhuts wieder in seiner Jackentasche verschwinden lassen. Er würde seinen Plan ändern müssen. Dabei hatte er sich alles so gut ausgedacht. Ursprünglich wollte er den Mischsalat mit dem hochkonzentrierten Extrakt beträufeln. Nathanael wusste sicher nicht, dass bei ihm am unteren Ende seines Grundstücks die giftigste Pflanze Mitteleuropas wuchs. Ein bis zwei Gramm der getrockneten Wurzelknolle waren bereits tödlich. Schon das ungeschützte Berühren der Pflanze konnte zu einer schweren Vergiftung führen.
Nathanael und Daniel saßen auf der Terrasse bei einem Glas vorzüglichen Mersaults und aßen Käse und Mischsalat. Daniel hatte sich auf die Toilette verabschiedet. Gerade als er die Tür zum Bad öffnen wollte, sah er im Nachbarzimmer die Trompete auf dem Schreibtisch. Das war die Gelegenheit, die er gesucht hatte. Er griff in seine rechte Jackentasche, zog die dünnen Gummihandschuhe an und öffnete vorsichtig das Fläschchen. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. Mit ruhiger Hand träufelte er das Gift in das Trompetenmundstück.
Daniel war den ganzen Abend beinahe in euphorischer Stimmung gewesen. Er redete, lachte, aß und trank mehr, als ihm guttat. Nathanael war ein interessanter Gesprächspartner, gebildet und geistreich. Seine Weinauswahl, der Epoisse und der Chaource zeugten von kulinarischem Verstand. Er wäre der perfekte Nachbar - ohne Trompete. Daniel hatte den nächsten Tag kaum erwarten können.

Jeden Moment musste es soweit sein. Nathanael würde die ersten Vergiftungssymptome zeigen: Schwindel, Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen, Erbrechen und Atemnot. Wenn er Glück hatte, würde der Tod nach 30 Minuten eintreten. Vielleicht aber auch erst nach drei Stunden.
Daniel griff zur Harke und bearbeitete den Kiesweg. Er spürte vor Vorfreude ein leichtes Kribbeln in seinen Händen. Das Trompetenspiel verstummte. Daniel sah zu Nathanael hinüber. Zu seiner Überraschung legte er die Trompete beiseite. Mit seiner rechten Hand hielt er etwas hoch. Das Kribbeln breitete sich auf Daniels Arme und den ganzen Körper aus. Er schaute auf den hölzernen Stil der Harke und spürte, wie im schwindelig wurde. In diesem Augenblick erkannte er das Fläschchen in Nathanaels Hand und verstand. Daniels Beine gaben nach, er sackte in sich zusammen und schlug mit dem Kopf auf einen Stein. Sein Leiden fand ein vorzeitiges Ende.

Nathanael nahm seine Trompete wieder in die Hand und spielte zufrieden sein liebstes Intervall. Die Oktave, das Intervall der Reinheit, Ruhe und Vollkommenheit.

Nathanael (hebräisch) = Gott hat gegeben
Daniel (hebräisch) = Gott ist mein Richter

Diskussion

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Clue Writing Challenge 2017
 

Kommentare 3

Gäste - Sissi am Dienstag, 29. August 2017 14:52

Servus Elias,

dein Kriminalstück habe ich mit Vergnügen gelesen. Ja, ja, wer anderen eine Grube gräbt ... Wobei ich auch ein bisserl Mitleid mit Daniel und seinen armen Pflanzen habe. ;-)

Ich nehme heuer übrigens auch zum ersten Mal an der Clue Writing Challenge teil.

XOXO

Sissi

Servus Elias, dein Kriminalstück habe ich mit Vergnügen gelesen. Ja, ja, wer anderen eine Grube gräbt ... Wobei ich auch ein bisserl Mitleid mit Daniel und seinen armen Pflanzen habe. ;-) Ich nehme heuer übrigens auch zum ersten Mal an der Clue Writing Challenge teil. XOXO Sissi
Elias Faber am Dienstag, 29. August 2017 15:36

Hallo Sissi,

freut mich, dass dir die ClueStory gefallen hat. Ich bin gespannt auf deine Geschichte. Gerne kannst du sie hier verlinken.

LG Elias

Hallo Sissi, freut mich, dass dir die ClueStory gefallen hat. Ich bin gespannt auf deine Geschichte. Gerne kannst du sie hier verlinken. LG Elias
Gäste - Jennifer Hilgert am Montag, 18. September 2017 02:18

Hallo Elias, Käse und Mischsalat - so französisch Hat mir gefallen, danke! Ich arbeite mich gerade durch alle Clue Writing Paradestories durch. Es ist so spannend, was dabei rumkommt! Liebe Grüße Jenny

Hallo Elias, Käse und Mischsalat - so französisch :) Hat mir gefallen, danke! Ich arbeite mich gerade durch alle Clue Writing Paradestories durch. Es ist so spannend, was dabei rumkommt! Liebe Grüße Jenny
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Donnerstag, 19. Oktober 2017

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